Hallo, worum geht’s? Ich bin dagegen!

Aquarell Pinguin

Gegen flache Plattitüden
Gegen Norden, gegen Süden
Gegen atomare Rüstung
Gegen Frauen ohne Brüstung
Gegen Mobbing und Schikane
Gegen Wehrdienst für die Fahne

Ich bin contra aus Prinzip
Und selbst gegen dieses Lied. (Der Junge mit der Gitarre)

Bist du auch dagegen? “Gegen alles, gegen jeden? Bist du absolut dagegen? Bist du einfach gegen alles? Auch im Falle eines Falles?”

Warum überhaupt dagegen sein? Dafür sein ist doch so schön einfach und angenehm. Unser Gegenüber fühlt sich durch unsere Zustimmung bestätigt und wir befinden uns in Harmonie mit unserer Umwelt.

Welches Kleid steht mir besser und welcher Lippenstift passt dazu? Soll ich lieber ein Marmeladenbrot oder eine Chia-Beeren-Bowl frühstücken? Solche privaten Fragen wurden früher mit ein paar Freundinnen besprochen, heute werden sie öffentlich in sozialen Netzwerken diskutiert. Sie sind für den Einzelnen unter Umständen von großer Bedeutung, haben aber nicht unbedingt eine allgemein gesellschaftliche Relevanz. Daher sind sie auch überhaupt nicht dafür geeignet, eine Gegenposition einzunehmen. Sollte doch jemand Kritik üben, so wird es verständlicherweise als Angriff auf die persönlichen Werte und die eigene Lebensweise gedeutet.

Derart ungeübt im Widerspruch neigen wir dazu, auch bei gesellschaftlich relevanten Themen unreflektiert dafür zu sein. Die Glyphosat-Zulassung wurde wieder verlängert? Durch die Cum-Ex-Strategie gingen Milliarden von Steuergeldern verloren? Deutscher Plastikmüll wird in China vergraben? Klar, wir sind dafür! (Oder zumindest nicht öffentlich dagegen, was im Ergebnis auf das gleiche rauskommt.) Wer dagegen ist, braucht Argumente, muss sich einer Diskussion stellen, und gilt schnell als unbequem oder lästig. Er riskiert, die Zugehörigkeit zur Masse zu verlieren oder die Masse gegen sich aufzubringen. Und das passiert in unserer digitalen Zeit schneller als gedacht.

Letztes Jahr beispielsweise postete ein Museum für Modelleisenbahnen vor der Bundestagswahl einen Aufruf zum Wählen. In einer demokratischen Gesellschaft eine garantiert anerkannte und mehrheitsfähige Position, möchte man meinen. Doch auf das Video folgte eine Flut von verächtlichen und hetzerischen Kommentaren. “Offensichtlich reicht schon ein Bekenntnis zur Demokratie, um Empörung auszulösen”, konstatiert die ZEIT.

Um uns nicht angreifbar zu machen, beschränken wir uns öffentlich auf unverfängliche Themen. Politische oder gesellschaftliche Positionen leben wir oft nur im Privaten aus: Wer gegen den Wegwerfwahn dieser Gesellschaft ist, mixt Duschgels und näht Kosmetikpads um Müll zu vermeiden, ohne sich der demokratischen Mittel des Widerspruchs zu bedienen: Unser Missfallen könnten wir beispielsweise durch Unterschriftensammlungen, Online-Petitionen oder Demonstrationen ausdrücken. Wir könnten uns in Bürgerinitiativen, Parteien oder Umweltverbänden engagieren und so für unsere Ziele kämpfen.

Aber den Glauben an die Wirksamkeit dieser demokratischen Protestmittel hat eine breite Masse der Gesellschaft verloren. “Das bringt doch eh nichts, sie machen doch sowieso was sie wollen, der Einzelne kann nichts bewirken…”

Wer in einer Demokratie lebt und nicht glaubt, dass der Einzelne etwas verändern kann, kann genauso gut in einer Diktatur leben. (1)

Woher kommt diese Resignation? Einerseits werden wir tagtäglich mit einer Vielzahl an komplexen Problemen konfrontiert. Nimmt man diese Probleme alle ernst und bezieht Position dagegen, fühlt man sich schon mal als Pinguin, der von seinen eigenen Protestschildern erdrückt wird:) Anderseits scheinen manche Politiker die Wirtschaftsinteressen vor diejenigen der Wähler zu stellen. Aktuelles Beispiel dafür ist Christian Schmidt, der als Landwirtschaftsminister entgegen aller Abmachungen für die Glyphosat-Verlängerung gestimmt hat.

Daraus entsteht eine Art Teufelskreis, denn je weniger die Bürger ihre Position öffentlich vertreten, desto eher wird sie übergangen. Das wiederum bestätigt uns in der Annahme, keinen Einfluss zu haben.

Du denkst vielleicht: “So schlimm finde ich das alles gar nicht. Uns geht es doch gut. Warum soll ich mich beschweren, wenn ich doch dafür bin? Dann muss ich mich doch gar nicht mit der Gegenposition auseinandersetzen!”

Alle Dinge sind uns ja nur durch ihren Gegensatz erkennbar.

Doch funktioniert Erkenntnisgewinn überhaupt ohne die Gegenposition? Nein! Um zu wissen, was Schatten ist, muss ich das Licht kennen. Das Wachsein erlebe ich als solches nur durch den Kontrast mit dem Schlafen, und der Sommer wird erst durch den Winter zur Jahreszeit.

Ja, ich behaupte, man kann überhaupt nur dafür sein, wenn man auch dagegen war oder die gegensätzliche Position zumindest durchdacht hat.

Jede Seite der Medaille
Schau ich an und will sie sehn.
Siehst du nur die eine Seite,
Werd ich gegenüber stehn. (Der Junge mit der Gitarre)

Betrachten wir beide Seiten der Medaille, so bedienen wir uns der Dialektik. Das ist eine ,,philosophische Arbeitsmethode, die ihre Ausgangsposition (These) durch gegensätzliche Behauptungen (Antithese) in Frage stellt und in der Synthese beider Positionen eine Erkenntnis höherer Art zu gewinnen sucht.”

Die Dialektik ist die Ausbildung des Widersprechungsgeistes, welcher dem Menschen gegeben, damit er den Unterschied der Dinge kennenlerne. (Johann Wolfgang von Goethe)

Ich habe den Eindruck, dass das dialektische Denken und Diskutieren auf dem Rückzug ist.

Manche vertreten zwar ihre (Gegen)position. Sie sind aber so sehr auf ihre Meinung fixiert, dass sie die andere Position überhaupt nicht mehr wahrnehmen, keinerlei Interesse an einer Erweiterung ihres Blickwinkels oder gar einer “Erkenntnis höherer Art” haben. Egal ob es um spezielle Ernährungsweisen, Arbeitsformen oder politische Überzeugungen geht: Nur die eigene Meinung scheint richtig zu sein.

In einer dialektischen Diskussion werden Argumente, also durch Fakten begründete Behauptungen, ausgetauscht. Heute läuft es oft andersherum: Man stellt eine Behauptung auf und erfindet dann ein passendes (Post)Faktum dazu, egal ob es der Wahrheit entspricht oder nicht. So twitterte Melania Trump beispielsweise: “Wenn die Fakten nicht zur Theorie passen, ändere die Fakten. (Albert Einstein)”. Was sie mit diesem Tweet auch getan hat, denn Einstein hat etwas derartiges nie gesagt:) Allein die verharmlosenden Begriffe “alternative Fakten” oder “Postfaktum” zeigen, dass das Lügen und Verdrehen von Tatsachen auch bei uns nicht mehr als solches entlarvt wird. Es ist salonfähig geworden, nur die Fakten zu berücksichtigen, die zur eigenen Theorie und ins eigene Weltbild passen. Der Rest wird gekonnt ignoriert.

Wir leben in einer komplexen, globalisierten Welt.  Aber viel zu oft denken wir nicht komplex und global, sondern einfach, kurzfristig und egozentrisch. Bei Einkaufsentscheidungen zum Beispiel fragen wir uns: “Was ist für mich am billigsten, bequemsten und besten?”, anstatt zu fragen: “Welche Auswirkungen hat es auf die Umwelt und die Menschen in anderen Ländern, wenn ich dies oder jenes kaufe?” Denn langfristig gedacht ist das, was für die Umwelt und die anderen Menschen gut ist, auch das beste für uns.

Auch in der Politik scheint die Dialektik auf dem Rückzug zu sein: Viele Entscheidungen werden uns als “alternativlos” präsentiert, was jede Diskussion im Keim erstickt und einem Angriff auf das dialektische Denken gleichkommt. Denn egal ob Bankenrettung, Bahnhofsbau oder Bundeswehreinsatz –  es gibt immer eine Alternative. Sobald wir aufhören, andere Wege oder gegensätzliche Möglichkeiten zu suchen und zu durchdenken, verfallen wir in einen lähmenden Stillstand. Wenn wir akzeptieren, dass es keine Alternative gibt, nehmen wir uns die Chance auf eine positive Veränderung.

Zweifle nie daran, dass eine kleine Gruppe engagierter Menschen die Welt verändern kann. Tatsächlich ist dies die einzige Art und Weise, in der die Welt jemals verändert wurde. (Margaret Mead)

Ich wünsche mir, dass wir gegensätzliche Positionen, Widersprüche und Kritik als großartige Chance begreifen, unseren Standpunkt zu hinterfragen, die Perspektive zu wechseln und unseren Horizont zu erweitern. Kurzum, dass wir die Lust am dialektischen Denken und Diskutieren wiederentdecken.

Ich wünsche mir, dass wir für unsere (Gegen)Position, die sich durch dialektische Diskussionen und Debatten ständig weiterentwickelt, häufiger auch öffentlich eintreten. Dass wir wieder daran glauben, als Individuum in einer Demokratie etwas bewirken zu können, auch wenn es zunächst aussichtslos scheint.

Unsere Vorfahren haben dafür gekämpft (obwohl es aussichtslos schien), dass wir nicht mehr als Leibeigene schuften müssen, dass wir wählen dürfen und dass wir unsere Meinung und Kritik frei aussprechen dürfen. Nutzen wir dieses Privileg! Denn wenn alle immer dafür sind, leben wir womöglich irgendwann in einem Land, in dem man nicht mehr dagegen sein darf, wie zum Beispiel in der Türkei.

Deswegen sage ich: Hallo, worum geht’s? Ich bin dagegen:)

Aquarell Pinguin

mit Aquarell nachgemalt: Original ist von Uli Stein

Was haltet ihr von meiner subjektiven Wahrnehmung, dass die Dialektik auf dem Rückzug ist? Seht ihr es anders? Wie immer freue ich mich über Widersprüche, Fragen oder Kritik in den Kommentaren:)

Verlinkt:

(1): Dieses Zitat habe ich so ähnlich vor kurzem gelesen, kann aber die Quelle leider nicht mehr finden.

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