Ich wünsch mir ein Sommerloch – kritische Gedanken über die Liebe und die Welt

DIY, Handlettering, Dalai Lama

Erinnert ihr euch noch an die Zeit, als es ein Sommerloch gab? Die Welt schien still zu stehen, Zeitungen versuchten mehr oder minder verzweifelt, ihre Seiten zu füllen. Ausführliche Artikel über Wanderausflüge von Politikern oder die beliebtesten Eissorten des Sommers brachten etwas Druckerschwärze aufs Papier.

Liest man in diesem Sommer die Zeitung, so gleicht das eher einem apokalyptischen Horror-Thriller. Einer von der Sorte, den man nach wenigen Seiten mit einem wohlig-schaurigen Seufzer beiseite legt, dem Autor eine kranke Phantasie attestiert und sich freut, dass die Realität doch viel besser ist. Der Haken an der Sache: Es ist die Realität, und beiseite legen kann man sie auch nicht!

Eine kleine Auswahl der Schlagzeilen: „Stephen Hawkin: Menschen müssen in hundert Jahren die Erde verlassen“ – „Nordkorea droht USA mit Raketenangriff auf Guam“ – „Trump twittert: Unsere Waffen sind bereit und geladen“ – „60000 Tote in den USA durch Schmerzmittelabhängigkeit allein im Jahr 2016“ –  „Erdogan lässt weitere Journalisten verhaften“ – …

Angesichts dieser Katastrophenmeldungen fällt es mir schwer, hier weiter über Strand-Aquarelle, Dschungelkissen und Sommersalate zu schreiben. Stattdessen habe ich überlegt, wie sich aus dem Sommerloch ein Horror-Thriller entwickeln konnte. Bei meinen Recherchen bin ich über dieses Zitat gestolpert:

Menschen wurden geschaffen um geliebt zu werden.

Dinge wurden geschaffen um benutzt zu werden.

Der Grund, warum sich die Welt im Chaos befindet,

ist, weil Dinge geliebt werden und Menschen benutzt werden. (Dalai Lama)

Wie recht hat der Dalai Lama mit dieser Aussage!

Geld ermöglicht es uns, Dinge zu besitzen. Inwieweit Dinge (in Form von Geld) geliebt werden und Menschen genutzt, lässt sich leicht an der Opioidkrise in USA illustrieren:

Pharmakonzerne bewerben bestimmte Schmerzmittel bei Ärzten, Vertretern und Patienten auf offensive Art und Weise. Dabei verschweigen sie Risiken, um den Gewinn zu maximieren. Die Strategie geht auf: Ärzte verschreiben die Medikamente häufig, und Patienten, die sich größtenteils sowieso schon in einer schlechten sozialen Lage befinden, greifen nach dem Strohhalm. Sie werden süchtig und sterben schlimmstenfalls. Die Pharmakonzerne erwirtschaften so Millionengewinne.
Dass diese Medikamente krank machen und tödlich sein können, ist scheinbar in den USA schon länger bekannt. Trotzdem hat sich die Lage jedoch nicht verbessert, sondern verschärft. Der Staat greift nicht ein. Erst jetzt, wo sich die Wirtschaft beklagt, weil ihnen die Arbeitskräfte buchstäblich unter den Händen wegsterben, werden Maßnahmen in Erwägung gezogen. Erst wenn Menschen nicht mehr (aus)genutzt werden können und dadurch finanzielle Verluste entstehen, wird reagiert! Das Menschenleben als solches scheint keinen Wert zu haben.

Doch auch an der Diesel-Abgas-Affäre erkennt man, dass den verantwortlichen Konzernmanagern der Profit wichtiger war als die Gesundheit der Menschen in den Ballungsgebieten.

Trump (ebenso wie Gabriel vor nicht allzu langer Zeit) genehmigt milliardenschwere Rüstungsexporte nach Saudi-Arabien, seinerseits dafür bekannt, nicht genehme Blogger auszupeitschen, radikal islamistische Gruppen zu unterstützen und den Jemen zu bombardieren. Warum? Bringt Geld in Form von Steuern und sichert Arbeitsplätze, kostet halt nur Menschenleben.

„Wir retten Banken und lassen Flüchtlinge ertrinken“ – diese Tatsache zeigt am deutlichsten, wie zutreffend das Zitat des Dalai Lama leider ist.

Wie kommen wir aus der Misere wieder heraus? Auflösen wird sich das Chaos erst, wenn wir wieder dazu übergehen,  Menschen zu lieben und Dinge zu nutzen. Machen wir uns bewusst, dass Dinge unbedeutend sind. Die stylishe Vase, die moderne Designlampe, das elegante Kleid, das bequeme Sofa, die sanierte Altbauwohnung mit Balkon – warum sollten wir unser Herz daran hängen?

Menschen zu lieben klingt erstmal einfach. Natürlich liebt jeder seine Familie und seine Freunde mehr als Dinge. Aber wenn wir die Aussage des Dalai Lama ernst nehmen, dann versuchen wir, ALLE Menschen zu lieben, indem wir ihnen Respekt und Wertschätzung entgegen bringen. Unabhängig davon, wo sie leben, was sie arbeiten und welches Leben sie führen. Viele beurteilen andere Menschen nach dem finanziellen „Nutzen“, den sie der Gesellschaft erbringen und behandeln sie demnach wie Dinge. Aber jeder Mensch verdient Liebe, Wertschätzung und Respekt. Das ist meine feste Überzeugung.

Doch wie sieht es eigentlich mit der Umsetzung dieser Überzeugung aus? Inwieweit liebe und respektiere ich die Teepflückerin, die unter miserablen Arbeitsbedingungen den Darjeeling-Tee sammelt, damit ich morgens eine Tasse davon genießen kann? Die Näherin aus Bangladesh, die für einen Hungerlohn meine Jeans zusammennäht? Den Jungen aus dem Kongo, der die Batterie für mein Tablet schürft? Gar nicht! Liebe ist eben nicht nur eine Sache der Einstellung, sondern bedeutet auch Anstrengung und Verzicht. Ich will mir die Aussage des Dalai Lama zu Herzen nehmen und versuchen, Menschen und ihrer Arbeit mehr Wertschätzung entgegenzubringen, indem ich noch mehr fair gehandelte Produkte kaufe.

Wenn sich andere die Aussage auch zu Herzen nähmen, könnten sich viele Probleme lösen: Kim Jong-un funktioniert seinen Wohnsitz in eine Aktivisten-Zentrale um und malt Plakate für Frieden, Freiheit und Menschenrechte. Trump überschreibt seine Immobilien an eine Stiftung für mexikanische Waisenkinder und wird Twitter-Comedy-Star. Erdogan lässt alle verhafteten Oppositionellen und Journalisten frei in seinem Palast wohnen und zieht als Vertreter für gestrickte Schals durch die Welt.

Und ich? Ich würde eine Reportage über die beliebtesten Eissorten der Stuttgarter Eisdiele „Pinguin“ lesen, nach der Hälfte (also etwa nach dreieinhalb Seiten) mit einem zufrieden-gelangweilten Seufzen die Zeitung beiseite legen und denken: „Es passiert auch gar nichts Spannendes – Sommerloch halt“.

Verlinkt: Creadienstag; Handmade on Tuesday; Dienstagsdinge, Kreativas

einfachnachhaltigbesserleben

Die beiden Zitate habe ich in dem sehr interessanten Artikel „Rettet Egoismus die Welt?“ von ChristianesLandKultur gefunden. Vielen Dank für den Denkanstoß!

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