Digitale Anerkennung – Schiller & Social Media

DIY Handlettering Schiller

Kannst du nicht allen gefallen

durch deine Tat und dein Kunstwerk.

Mach es wenigen recht.

Vielen gefallen ist schlimm.

(Friedrich Schiller)

Hast du heute schon ein Kompliment für deinen neuen Haarschnitt, Bestätigung bei der Arbeit, ein Lächeln oder einen netten Kommentar bekommen? So fängt doch der Tag gleich viel besser an, oder?

Anerkennung, Bestätigung und Wertschätzung beflügeln uns, aber warum?

Forscher haben dafür folgende Erklärung: Der Urmensch war nur in der Gruppe überlebensfähig, da er größere Tiere nicht alleine erlegen konnte. Wird er von der Gruppe ausgestoßen, so ist seine Existenz gefährdet. Signale der Anerkennung hingegen setzen im Gehirn Hormone wie Dopamin und Oxytocin frei, die positive Gefühle wecken. (2) Dieser Mechanismus, der das Überleben der Urmenschen sicherte, ist auch heute noch aktiv: Ein Lächeln oder ein Lob aktiviert das Belohnungszentrum im Gehirn, ebenso wie digitale Bestätigungen in Form von Likes, Kommentaren oder Followern. (1)

Inwieweit unterscheidet sich die Anerkennung, die wir außerhalb des Internets bekommen, von der digitalen Anerkennung?

Digitale Bestätigung ist messbar und vergleichbar: Beispielsweise ist auf einem Instagram-Profil auf den ersten Blick die Anzahl der Follower zu erkennen, und unter jedem Bild wird angezeigt, wieviele “Herzchen” und Kommentare es dafür gab. Ein Vergleich mit anderen Profilen zeigt schnell, wer mehr digitale Anerkennung bekommt, und schafft eine Art Wettbewerbssituation. Im alltäglichen Leben hingegen wissen wir meist gar nicht, wieviel Bestätigung andere bekommen und kommen deswegen gar nicht auf die Idee, uns zu vergleichen.

Im Gegensatz zu der Anerkennung, die wir im realen Leben bekommen, ist die virtuelle Anerkennung selbstverstärkend: Die Algorithmen der sozialen Netzwerke sind so programmiert, dass sie Beiträge mit vielen Likes, Kommentaren und Interaktionen auch mehr Nutzern anzeigen, was wiederum die Chance auf mehr Interaktionen erhöht. Bekommt ein Beitrag kurz nach der Veröffentlichung keine oder nur wenige Likes, so kann das dazu führen, dass er in der letzten Ecke des Facebook-Friedhofs landet und kein anderer User ihn mehr zu Gesicht bekommt.

Anerkennung – egal ob digital oder nicht digital – setzt in jedem Fall ein Urteil voraus. Gerade in der virtuellen Welt wird die Entscheidung über Gefallen oder Nicht-Gefallen oft schnell gefällt. Sie basiert manchmal nur auf einem visuellen Eindruck, oft ohne dass eine echte Auseinandersetzung mit dem Thema stattgefunden hat.

Wie im alltäglichen Leben auch wird digitale Anerkennung nicht immer frei von anderen Absichten vergeben, wie sich zum Beispiel am Like-for-Like-Prinzip zeigt: Hier wird Bestätigung vergeben, um selbst Bestätigung zu erhalten. Ad Absurdum geführt wird dieses Prinzip, wenn der Anerkennungsvorgang ausgelagert und automatisiert wird: Apps oder Social Bots verteilen automatisch Likes und Kommentare, um wiederum dem eigenen Account zu mehr Aufmerksamkeit zu verhelfen.

Zwar kann man auf digitalem Weg auch echte Wertschätzung vermitteln (beispielsweise in Form von Kommentaren), aber viele andere Formen (Likes, Follower oder Klickzahlen) sind nicht unbedingt gleichbedeutend mit echter Anerkennung. Abgesehen davon ist Anerkennung von vielen auch nicht immer gleichbedeutend mit Qualität. Sonst würden beispielsweise die Auflagezahlen der BIlD-Zeitung automatisch auf hochwertige Texte und Berichterstattungen verweisen:)

Das ist den meisten Menschen bewusst, dennoch ist der Wunsch, “vielen zu gefallen”, sehr präsent. “Wie bekommst du in x Tagen XXX Likes auf deinem Blog/Instagram/Twitter/Facebook/Pinterest?”. Beiträge dieser Art erfreuen sich nicht umsonst großer Beliebtheit.

Schiller schreibt: “Mach es wenigen recht. Vielen gefallen ist schlimm.” Hat er damit recht oder nicht? Welche Auswirkungen hat es, vielen zu gefallen, beziehungsweise vielen gefallen zu wollen?

Dazu habe ich mir ein paar Fragen überlegt – bewusst ein bisschen suggestiv und provokativ – die ich allerdings gar nicht allein beantworten kann. Ich glaube nämlich, dass die Antworten erst interessant werden, wenn sie ganz verschiedene Sichtweisen aufzeigen, und zwar eure, liebe Leserinnen und Leser! Wenn ihr Lust habt, eine oder mehrere Fragen zu beantworten, würde ich mich sehr freuen! Ich kopiere eure Antworten dann nach einer Woche in den Text und ergänze meine eigene, subjektive Sichtweise. Hier also die Fragen:

Welche Auswirkungen hat es, …

… wenn wir persönliche Informationen oder Fotos der Öffentlichkeit preisgeben und dem Wettbewerb aussetzen? Bewerten wir Ereignisse unseres Lebens nach deren Social-Media-Tauglichkeit? Hat diese Bewertung einen Einfluss auf unser Verhalten?

… wenn wir es gewöhnt sind, in Sekundenbruchteilen zu entscheiden, ob uns etwas gefällt oder nicht gefällt? Versperren wir uns so den Zugang zu Themen, deren Wert sich nicht auf den ersten Blick erschließt?

… wenn das Gefallen beziehungsweise die Bestätigung von Mitmenschen zur Währung wird, mit der sich Geld verdienen lässt? Werden wir so zu “Kapitalisten unseres Selbst“?

… wenn wir mit unserer “Tat” oder unserem “Kunstwerk” vielen gefallen wollen? Können wir dann noch unabhängig bleiben? Kann man so (rein theoretisch) überhaupt noch ein Kunstwerk schaffen?

 

Auf eure Meinungen bin ich sehr gespannt! Widersprüche und Kritik sind wie immer ausdrücklich erwünscht:)

Übrigens habe ich das Zitat nicht mit Stiften auf Papier gemalt, sondern als Stempel geschnitzt und dann gedruckt. So hat es zwar ein bisschen länger gedauert, aber ich kann beliebig viele Versionen drucken:)

Liebe Grüße, Amely

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