Deutschland: Quo vadis?

Das hier ist ein unpolitischer Blog. DIY, Gartengestaltung, Nachhaltigkeit, ein paar kritische Kolumnen – mehr nicht.

Doch heute stelle ich mir die Frage: Können wir uns unpolitische  Blogs überhaupt noch leisten?

Ja, solange es gesellschaftspolitisch so einigermaßen in die richtige Richtung läuft.

ABER:

Wenn die rechte Szene in kurzer Zeit mehrere tausend Menschen mobilisiert…

Wenn diese Menschen öffentlich Hitlergrüße zeigen, rechte Parolen brüllen und Menschen mit Migrationshintergrund jagen…

Wenn eine Partei, die mit 92 Sitzen im Bundestag vertreten ist, diese erschreckenden Vorfälle verharmlost und unterschwellig rechtfertigt….

Wenn der Chef des Verfassungsschutzes(!) grundlos die Echtheit von Beweismaterial zu diesen Vorfällen anzweifelt und nahelegt, diese seien von der Gegenseite inszeniert worden…

Wenn der Innenminister(!) es in Ordnung findet, dass der Chef des Verfassungsschutzes in einer extrem aufgeheizten Situation noch Öl ins Feuer gießt, ohne sich im geringsten dafür zu entschuldigen…

Wenn rassistische Ressentiments, sprachliche Verrohung und menschenverachtende Positionen in einigen Teilen der Gesellschaft salonfähig geworden sind…

Dann läuft es gesellschaftspolitisch absolut nicht in die richtige Richtung!

Und genau dann können wir es uns nicht mehr leisten, in einem öffentlichen Blog, und sei er noch so klein und unbedeutend, nur unpolitische Themen zu behandeln.

Man kann nicht nicht politisch sein.

Paul Watzlawick sagt: “Man kann nicht nicht kommunizieren.” Ich behaupte: “Man kann nicht nicht politisch sein.” Kein Statement ist auch ein Statement. Denn wer seine Gegenposition nicht zum Ausdruck bringt, überlässt denjenigen das Feld, die am lautesten schreien. “Politische Korrektheit” wird viel zu oft mit Schweigen verwechselt. Und Schweigen wiederum als Zustimmung gedeutet.

So fühlen sich diejenigen, die sich von unseren demokratischen Grundwerten längst entfernt haben, bestätigt. Sie wähnen sich in der Überzahl und meinen, die Stimme des “Volkes” zu sein.  Unsagbares wird plötzlich sagbar – nicht mehr nur am Stammtisch oder im Bierzelt, sondern auch öffentlich auf dem Marktplatz, in Vereinen, ja sogar in der Politik. Dieser vermeintlichen “Stimme des Volkes” müssen wir unsere eigene entgegensetzen. Sei es nun digital über Blogs, Social Media Accounts, Online-Kommentare oder analog über Gespräche, Vorträge und Leserbriefe.

Wir dürfen der laut brüllenden Minderheit nicht die sprachliche Deutungshoheit über die Geschehnisse überlassen. Ihrer destruktiven Sprache müssen wir unsere respektvolle, differenzierte und lösungsorientierte Sprache entgegensetzen. Denn Sprache hat Auswirkungen. Sprachliche Äußerungen können Konflikte verstärken oder lösen, erzeugen oder verhindern.

Nicht immer muss destruktive Sprache laut herausgebrüllt, hasserfüllt und mit Schimpfwörten gespickt sein. Manchmal kommt sie auch scheinbar harmlos daher und ist dadurch umso gefährlicher. Exemplarisch möchte ich zwei Äußerungen zitieren, die ich als extremst problematisch empfinde: 1. “Mutter aller Probleme ist die Migration” (Horst Seehofer) und 2. “Der Islam gehört nicht zu Deutschland” (ebenso). Eine sprachliche und inhaltliche Analyse würde den Rahmen sprengen, aber nur so viel: 1. inhaltlich falsch, Verdrehung von Ursache und Wirkung, schürt Angst, lenkt von eigenen Fehlern ab, Sündenbock-Rhetorik! 2: inhaltlich falsch, ausgrenzend, abwertend, nicht vereinbar mit dem Grundgesetz!

Solche Äußerungen bergen meiner Meinung nach gesellschaftpolitischen Sprengstoff, denn die Rechtsextremen sehen sich dadurch in ihrer verzerrten Weltsicht bestätigt. Muslime fühlen sich ausgegrenzt, wenn einer der wichtigsten Vertreter der Nation ihre Religion kategorisch ablehnt, und werden womöglich anfälliger für radikal-islamistische Botschaften. Wenn Flüchtlinge öffentlich zum Sündenbock für “alle Probleme” gemacht werden, wie sollen sie sich hier integrieren?

Wenn so eine destruktive und konfliktträchtige Sprache salonfähig wird bis in die höchsten Instanzen eines Landes, ja, spätestens dann ist es Zeit, aus der selbstgewählten Blog-Nische auszubrechen und sich politisch zu äußern.

Meistens lasse ich das bleiben, da ich denke, ich habe nicht genug recherchiert, kenne mich zu wenig aus, kann das nicht beurteilen, werde der Thematik nicht gerecht, kann nichts Neues beitragen. Aber vielleicht ist das gar nicht notwendig. Vielleicht ist es nur notwendig, zu wiederholen, was schon Millionen Mal gesagt wurde, selbstverständlich sein sollte und leider doch nicht ist:

Die Würde des Menschen ist unantastbar.

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