Serendipity – Macht uns das Internet maschinenähnlicher?

Mensch Maschine

Wir werden ständig von den Kräften des Zufalls beeinflusst, das Unerwartete geschieht mit fast schockierender Regelmäßigkeit im Leben aller Menschen. (Paul Auster)

Wie hat der Zufall dein Leben in der letzten Woche beeinflusst? Bist du zufällig in ein nettes Cafe gestolpert? Oder hast du in der Buchhandlung einen interessanten Roman gefunden, obwohl du eigentlich nur ein Geschenk für den nächsten Kindergeburtstag gesucht hast?

Der Zufall beeinflusst nicht nur unseren Alltag, sondern führte auch zu einigen bahnbrechenden wissenschaftlichen Entdeckungen. Zum Beispiel erkannte Alexander Fleming die bakterienhemmende Wirkung des Penicillins anhand einer versehentlich verschimmelten Bakterienkultur. Solch eine „zufällige Beobachtung von etwas ursprünglich nicht Gesuchtem, das sich als neue und überraschende Entdeckung erweist“, wird im Englischen mit dem schönen Begriff „Serendipity“, zu deutsch „Serendipität“, bezeichnet.

Der Zufall unterliegt keinem Algorithmus. (Vince Ebert)

Im Internet jedoch bestimmen Algorithmen, welche Ergebnisse uns Google, Facebook und Co präsentieren. Diese Algorithmen unterliegen ebensowenig dem Zufall, wie der Zufall dem Algorithmus unterliegt. Doch welche Auswirkungen hat es auf uns, wenn wir uns immer häufiger in einer virtuellen Welt bewegen, in der der Zufall und die Serendipity durch Berechnungen ersetzt wird? Das beschreibt Miriam Meckel in ihrem Artikel „Mensch wird Maschine“:

„Wer immer heute etwas im Internet sucht, bekommt in der Regel individualisierte Ergebnisse. Dabei werden vorherige Suchanfragen mit den Daten, die ansonsten im Internet über die Nutzer kursieren, kombiniert, ausgewertet, gewichtet und weiterverarbeitet. Jeder bekommt die Suchergebnisse aufgelistet, die am besten zu seinen bisherigen Präferenzen passen. (…) Auf diesem Wege verschwindet sukzessive die unerwartete Entdeckung, die durch einen glücklichen Zufall (Serendipity) möglich wird. Er wird schlicht aus der Netznutzung herausgerechnet. (…) Das personalisierte Internet kann zwar – noch – keine Gedanken lesen, aber es führt zu einem Ergebnis, das dem nahekommt. Wenn die den Nutzern präsentierten Informationen und Empfehlungen weitgehend auf einem individualisierten Profil beruhen, dann entstehen im Netz immer weniger Zufallsbegegnungen, dann wird die Welt zu einem Hohlspiegel unserer individuellen Vorstellungen, Wünsche und Präferenzen, und wir leiden irgendwann unter Weltkurzsichtigkeit. (…) Für eine demokratische Gesellschaft, die sich durch Offenheit, Lernfähigkeit und Toleranz auszeichnet, ist das vielleicht eine weniger gemütliche Zukunftsaussicht.“

Mit jeder dieser technologischen Neuerungen wird der Mensch besser analysierbar und berechenbar, also vorhersagbar. (…) Ist er dann ein technisierter Mensch oder eine humanisierte Maschine? (Miriam Meckel)

Macht uns das Internet also berechenbarer und damit maschinenähnlicher?

Auf den ersten Blick scheint vieles gegen diese These zu sprechen. Schon allein durch die Vielzahl an Information und Quellen bietet das Internet einen sehr weiten Blick auf die Welt. Wer zu einem bestimmten politischen Thema recherchiert, kann aktuelle wie vergangene Artikel verschiedener Zeitungen (sogar aus unterschiedlichen Ländern) einsehen. Manche Seiten wie Die Zeit oder Der Spiegel stellen erfreulicherweise noch eine Kommentarfunktion zur Verfügung, auf der Leser das Thema von ganz unterschiedlichen Seiten beleuchten.

Konsumierten die Bürger früher Medien nur passiv, so haben sie heute die Möglichkeit, die Medienlandschaft aktiv mitgestalten, beispielsweise indem sie einen politischen Blog schreiben oder ihre Ideen in sozialen Netzwerken verbreiten. Gerade in autoritären Regimes kann so staatliches Unrecht angeprangert werden und demokratische Tendenzen können gestärkt werden.

Auf der einen Seite ist es also durch das Internet sehr viel leichter geworden, sich zu informieren, verschiedene Quellen zu vergleichen und unterschiedliche Sichtweisen auszutauschen. Andererseits überfordert gerade diese Informationsflut und Meinungsvielfalt manche Menschen. Sie wollen sich nicht mit verschiedenen Denkansätzen beschäftigen, sondern nur ihre eigene Meinung bestätigt wissen und richten es sich bequem in ihrer Filterblase ein. Auf diese Weise rutschen sie schneller in radikale Kreise ab.

Andere wiederum haben vielleicht eine offene Einstellung, nehmen aber alles für bare Münze, was die sozialen Netzwerke ihnen servieren. Beispielsweise geben 49 Prozent aller US-Bürger unter 35 Facebook als wichtigste oder wichtige Nachrichtenquelle an. Das erklärt einiges! Beispielsweise wie Menschen mit einer Sozialkompetenz eines Klappstuhls in wichtige Ämter gewählt werden konnten. Sollte das Lieblingsspielzeug Twitter mal durch die Außenpolitik abgelöst werden, und dabei versehentlich der ein oder andere Krieg angezettelt werden, sagt Facebook so: „Ach, war wohl doch der falsche Algorithmus.“

Auch Menschen, die sich vielfältig informieren und sich dem Filterblasen-Effekt entziehen möchten, unterliegen den Algorithmen von Google und Co. So lange man sich über Online-Zeitungen informiert, haben Suchmaschinen und soziale Netzwerke wohl nur einen subtilen Einfluss auf die politische Meinung. Schlägt allerdings Booking ein passendes Hotel vor oder Parship den potentiellen Partner mit den meisten Matching-Points, so greifen diese digitale Dienste sehr wohl in unser Leben ein. Sie lassen dabei den Zufall außen vor und machen unser Leben ein Stückchen berechenbarer.

Doch wir machen uns auch freiwillig berechenbarer, da wir uns auf der Suche nach mehr Likes den Kriterien der Suchmaschinen unterwerfen. Google bevorzugt Texte, die viele Zwischenüberschriften haben, in denen das Keyword möglichst oft vorkommt, und sowohl die Sätze als auch die Wörter (!!) eher kurz sind. Texte, die diese Anforderungen erfüllen, lesen sich etwa so gut wie sich eine Pressspanplatte frühstücken lässt. Erschreckend viele Blogs (zum Glück nicht aus der DIY-Szene) halten sich an diese Vorgaben und tragen damit zu einer Vereinheitlichung und Verarmung der Sprache bei. Instagramer legen sich eine „einheitliche Bildsprache“ zu, und auch inhaltlich unterwerfen wir uns der Selbstzensur: Blogeinträge sollen „Mehrwert“ haben, also Antworten auf Fragen, Lösungen von Problemen, Anleitungen und Hilfestellungen anbieten.  Aber wer entscheidet eigentlich ,was Mehrwert hat?

Für mich ist das Internet trotz allem ein demokratisches und demokratisierendes Medium, das meinen Horizont erweitert. Filterblasen-Effekte versuche ich zu umgehen, indem ich widersprüchliche Suchanfragen eingebe. Der Zufall und die Serendipity begegnen mir im Netz trotzdem, zum Beispiel wenn ich über eine Blogroll oder Linkparty auf einen interessanten Beitrag stoße. Dennoch denke ich, dass wir den Einfluss von Suchmaschinen und sozialen Netzwerken auf die politische Meinungsbildung nicht unterschätzen sollten. Da Journalisten einem Pressekodex unterliegen, sollten auch Google und Co zu Transparenz verpflichtet werden.

Bei der Gestaltung meines Blogs möchte ich mich weder sprachlich noch inhaltlich den gängigen Kriterien unterwerfen. Das ist bestimmt kein Erfolgsrezept, befreit jedoch den Geist, beflügelt die Kreativität, und macht weniger berechenbar. Für mich haben nicht nur Antworten und Lösungen einen Mehrwert, sondern auch Widersprüche und Fragen. Relevante Fragen sind für mich beispielsweise: Welche Auswirkungen hat die Digitalisierung auf unsere Arbeitswelt? Welche Daten wollen wir Maschinen anvertrauen und welche Folgen nehmen wir dafür in Kauf? Wie lange können wir die virtuelle von der realen Welt unterscheiden?

Und am meisten interessiert mich: Meint ihr, dass das Internet uns maschinenähnlicher macht oder nicht?

Über widersprüchliche Kommentare und Fragen würde ich mich sehr freuen!

Amely

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4 Comments

  1. Ich denke nicht dass uns das Internet maschinenähnlicher macht. Das sind eher große Konzerne, die Geld damit machen wollen. Das Internet ist dazu nur das Mittel. Man kann diesen ganzen Einflüssen nicht ganz aus dem Weg gehen, da hast du recht. Man kann ihnen aber skeptisch gegenüberstehen und man kann sie schon stark einschränken. Man muss nicht bei Google suchen. Es gibt gescheite add und Skript und tracking blocker. Man braucht keine sozialen Netze und kein vernetztes IOT. Man kommt sogar unter Android ohne GApps aus. Man muss dafür aber nicht aufs Internet verzichten.
    Ein schöner Artikel wieder, auch wenn ich das Problem nicht im Internet an sich sehe.
    Liebe Grüße
    Katharina

    1. Liebe Katharina, danke für deinen Kommentar! Du hast recht, es gibt viele Möglichkeiten, diese Einflüsse zu umgehen. Allerdings schaffe ich persönlich das nicht immer, zum Beispiel habe ich mich noch nicht mit Tracking Blockern beschäftigt. Aber ist ein guter Hinweis! Auch nutze ich manche Dienste einfach aus Bequemlichkeit… Aber ich gebe Meckel schon recht, dass die Schnittstelle zwischen Menschen und Maschinen immer kleiner wird. Bin mal gespannt, wo die Entwicklung noch so hingeht…
      Liebe Grüße, Amely

      1. Ja, an der These kann was dran sein! Letztens habe ich darüber gelesen wie Kinder mit KIs wie Alexa kommunizieren. Die sagen dann bei jedem Befehl ‚bitte‘ und ‚danke‘ und jetzt gibt es da Diskussionen drüber, ob man denen begreiflich machen kann und soll, dass man mit einer Maschine anders spricht als mit einem Mensch. Also ich denke, dass das bei den Leuten die damit aufwachsen alles noch viiiel verrückter sein wird als bei uns. Aber rückgängig machen lässt sich die Technologie ja auch nicht und helfen tut sie ja auch. Man bräuchte halt Regelwerke und vielleicht ne Regierung für die das Internet kein Neuland ist 😉

  2. Ja, man müsste eine gesellschaftliche Debatte darüber führen, welche der neuen Technologien man haben will und wie man damit umgeht. Wie nah lässt man Maschinen an sich ran? Eine Internet-Brille finden bestimmt viele praktisch, dann kommen irgendwann Internet- Kontaktlinsen oder implantierte Chips direkt im Gehirn. Da kann man sich dann schon fragen, ist es jetzt ein technisierter Mensch oder eine menschliche Maschine? In dem Text hab ich nur einen von vielen Aspekten aufgegriffen…

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