Grau oder Grün? Architektur und Klimawandel

Begrünung in Städten

Wo fühlst du dich wohler: Vor einer nackten Betonwand oder vor einer grünen, bewachsenen Wand? Die meisten von uns würden wohl ohne zu zögern die begrünte Wand wählen. Während eine graue Betonwand immer gleich aussieht, spiegeln sich in der Begrünung die Jahreszeiten, da die Blätter im Frühling austreiben und sich im Herbst leuchtend bunt verfärben. Die begrünte Wand ist lebendig, sie wächst und bietet Tieren Lebensraum, im Gegensatz zur Betonwand.

Obwohl Pflanzen und Bäume kaum Platz und Pflege beanspruchen, und das Wohlbefinden der Menschen verbessern, spielen sie viel zu oft eine unbedeutende Nebenrolle bei der Konzeption von Wohnraum, im Städtebau und in der Industrie. Ich denke an endlose Parkplatzwüsten vor großen Supermärkten, auf denen nicht ein einziger Baum zu finden ist. An glitzernde Glasfronten, in denen sich nur der graue Beton gegenüber spiegelt. An öffentliche Plätze, die außer ein paar kümmerlichen Alibi-Bäumchen nichts Grünes zu bieten haben. An Wohneinheiten, deren Garten zugunsten Terrasse, Einfahrt und Garage minimal ausfällt und selbst dann noch die letzten Grashalme unter Geröllmassen begraben werden.

Heute könnt ihr wieder wie jeden Freitag eure Beiträge zur naturnahen Gartengestaltung verlinken! Nährere Infos zur Linkparty findet ihr hier. Bitte denkt an den Backlink (www.pfauen-auge.de). Ich freue mich auf eure Ideen und einen interessanten Austausch!


Aber die Begrünung des öffentlichen und privaten Raums ist in Zeiten des Klimawandels kein “Nice-to-have”, sondern schlicht überlebensnotwendig. Das hat Singapur schon vor einigen Jahren erkannt. Dort muss für jeden bebauten Raum (egal ob neu bebaut oder bereits bestehend) die gleiche Fläche begrünt werden. Ob begrünte Fassaden, Dächer oder Terrassen – die Möglichkeiten sind vielfältig.

Welche Gründe sprechen für die Begrünung von Parkplätzen, Häusern, Fabriken, Lagerhallen, Straßen, Flachdächern, Brücken und öffentlichen Plätzen?

1. Kühlung:

Die Auswirkungen des Klimawandels zeigen sich in Mitteleuropa unter anderem durch extreme Hitze- und Trockenperioden. Asphalt, Mauern und Gebäudewände nehmen die Wärme auf und speichern sie, sodass es gerade in Städten noch heißer wird. Das wiederum führt dazu, dass Gebäude mit Klimaanlagen gekühlt werden, die viel CO2 freisetzen und deren Abwärme die Außenluft weiter aufheizt. Zusammen mit den Abgasen aus Verkehr und Industrie kann  die Hitze gesundheitsschädlich sein. Eine Begrünung sorgt einerseits durch die Beschattung für Kühlung, andererseits auch durch die Befeuchtung. Denn Pflanzen nehmen bei Regen Luftfeuchtigkeit auf und geben sie anschließend auch in trockenen Zeiten langsam wieder ab. So herrschen zwischen zwei begrünten Fassaden etwa 5 Grad weniger als zwischen nicht begrünten Häusern.

2. Luftreinigung:

In vielen Städten herrscht “dicke Luft”: Feinstaubgrenzwerte werden nicht nur in Stuttgart regelmäßig überschritten. Das Problem kann allein durch intensive Stadtbegrünung sicherlich nicht gelöst werden, nötig sind völlig neue Verkehrskonzepte. Aber dadurch, dass Pflanzen CO2 aufnehmen und binden, kann es zumindest abgemildert werden. Um dem Klimawandel entgegenzuwirken, ist aus diesem Grund flächendeckend eine intensive Begrünung gefragt.

3. Schutz vor Überschwemmungen:

Auch Unwetter wie zum Beispiel Starkregen mit Überschwemmungen haben durch den Klimawandel zugenommen. Ein Übermaß an versiegelten Flächen verschlimmert das Phänomen: Das Wasser versickert nicht im Boden, sondern läuft direkt in die Kanalisation, die so viel Wasser auf einmal nicht verkraftet. So entsteht durch den Rückstau eine Überschwemmung. Trifft das Wasser hingegen auf unversiegelte, begrünte Flächen, so nehmen die Pflanzen schon viel Wasser auf.

4. Förderung der Artenvielfalt:

Durch moderne Monokulturen und den flächendeckenden Einsatz von Pestiziden ist die Artenvielfalt leider schon deutlich geschrumpft. Insekten, Vögel, Schmetterlinge und andere Tiere finden kaum noch Nahrung und Lebensraum. Doch jeder Baum am Straßenrand, jede Kletterpflanze an der Mauer und jedes Wiesenstückchen im Garten verbessert die Situation

Mein Fazit ist, dass wir radikal auf eine grüne Architektur setzen müssen, um Lebensqualität, Umwelt und Klima zu schonen und zu erhalten.

Wie kann man sich (eventuell auch ohne Garten) für eine intensive Begrünung einsetzen? Hier ein paar Vorschläge von mir:

  • Viele Rankpflanzen benötigen nur wenige Quadratzentimeter unversiegelter Fläche, um sich zu entwickeln. Wer sie aufgespürt hat, kann zum Beispiel eine Mauer leicht begrünen. Wilder Wein macht ein mediterranes Flair, Trauben oder Kiwis füllen den Magen, und Clematis oder Blauregen sind schön anzusehen. Bei Efeu ist Vorsicht geboten, es kann eine Steinmauer auch beschädigen.
  • Auch Zäune, Schuppen, Garagen, Carports oder überdachte Fahrradständer eignen sich zur Begrünung.
  • Parkplätze sind oft von der Gemeinde vorgeschrieben, müssen aber nicht betoniert oder mit verfugten Steinen ausgelegt werden! Rasensteine verfestigen den Untergrund, ohne die Fläche zu versiegeln. Eine noch günstigere Alternative dazu ist etwas Schotter. Wer es “ordentlich” mag, kann auf sogenanntes Öko-Pflaster zurückgreifen, das wasserdurchlässig ist.
  • Doch wie immer reicht es nicht, die Ideen im Privaten umzusetzen. Mindestens genauso wichtig ist es, mit den Verantwortlichen von Stadt oder Gemeinde in den Kontakt zu treten und den Wunsch nach einer grüneren Gestaltung mit entsprechenden Vorschlägen zu äußern. Oft sind sie dankbar für solche Ideen!

Was haltet ihr von einer grünen Architektur? Welche Ideen habt ihr in Bezug auf die Umsetzung?

Ich freue mich auf eure Antworten!

Liebe Grüße,

Amely

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14 Kommentare

  1. hallo amely,
    für mich sind wandbegrünungen im garten wie das salz in der suppe.
    nur sollte man mit der auswahl der gewächse vorsichtig sein. ich habe -im jugendlichen leichtsinn- mich mal am efeu probiert, das ist aber wirklich nicht zu empfehlen, den der wächst einem im wahrsten sinne des wortes irgendwann über den kopf, er ist einfach nicht mehr zu beherrschen und mach alles andere zunicht.
    gruss hanna

    1. Hallo Hanna, ja, mit Efeu muss man vorsichtig sein. Ich habe letztes Jahr zwei Clematis gepflanzt, die eine weniger schöne Ecke überdecken sollen. Sie haben zum Glück überlebt trotz Hochwasser und schon viele Knospen. Ich freue mich schon auf die Blüte und habe einige Ideen für weitere Begrünungen.
      Liebe Grüße,
      Amely

  2. Liebe Amely,
    Ich bin auch immer wieder baff, wenn ich vor einer grauen Betonmauer stehe, die Kunst darstellen soll. Ich bewundere viel eher die Wände, die begrünt sind – auch der Efeu ist wunderschön. Das Entfernen jedoch – wie du schon schreibst – ist nach Jahren eine Herausforderung! Ich bin gerade dabei unsere Südseite mit Obstbäumen zu schmücken, als Spalier. Die finde ich nämlich auch gant toll!
    Viele Grüße, Izabella

    1. Liebe Izabella, Beton kann auch Charme haben, aber nimmt leider in den meisten Städten und Dörfern viel zu viel Raum ein, mit negativen Folgen für die Umwelt und das Wohlbefinden. Deswegen setze ich konsequent auf Grün!
      Spalierobst an der Fassade stelle ich mir wirklich toll vor, und du hast so auch immer genug zu essen:)
      Liebe Grüße und vielen Dank fürs Verlinken deiner interessanten Beiträge!
      Amely

  3. Mich muss man nicht überzeugen: es gehörte zu den ersten Taten, als wir unser innerstädtisches Haus kauften, eingeklemmt zwischen zwei größere mit hohen kahlen Wänden. Aber es ist nicht einfach, wenn es dem Nachbarn nicht gefällt.
    LG
    Astrid

    1. Liebe Astrid, es wäre schön, wenn man die Nachbarwände, auf die man ja viel häufiger schaut als auf die eigene, gleich mitbegrünen könnte! Schade, dass es nicht geht. Ich finde, der Gesetzgeber müsste entsprechende Vorschriften machen wie zB in Singapur. Damit wäre der Umwelt, dem Klima und der Artenvielfalt schon geholfen. Stattdessen gibt es widersinnige Vorschriften wie überflüssige Parkplätze usw.
      Liebe Grüße,
      Amely

  4. Hi. Wieder ein tolles Thema bei Dir. Wir haben hier alle Flachdach Reihenhäuser. Es wäre schon toll, wenn man die alle begrünen könnte.
    Ansonsten zieh ich mir den Wein jedes Jahr ein Stück weiter vor die Mauer. Sieht dein aus, ist beherrschbar und lecker für uns und Tiere. Clematis kann man auch fast überall eine Tankhilfe geben,.ggf. muss man nur im Sommer wässern, da es ja Waldpflanzen sind und gern einen schattigen und feuchteren Fuss haben. Hoffe, viele Menschen denken da langsam um, vor allem in den Ballungsgebieten.
    Liebe Grüße
    Nina

    1. Liebe Nina, freut mich, dass du das Thema interessant findest. Gärtnern unter einem weit gefassten Blickwinkel sozusagen.
      Wenn man ein Dach begrünen will, muss man es schon vom Profi abklären lassen wegen der Statik und damit es wirklich dicht bleibt. Also kein ganz einfaches Unterfangen. Aber ich habe gelesen, dass begrünte Dächer viel länger halten als normale. Vielleicht bevor die nächste Sanierung ansteht nochmal drüber nachdenken?
      Liebe Grüße,
      Amely

  5. Liebe Amely,
    Du sprichst mir mit Deinem Beitrag aus dem Herzen. Diese Betontristesse ist schwer zu ertragen, viel mehr grün könnte hier schon Abhilfe schaffen. Und es sollten überall mehr Bäume gepflanzt werden, aber sehr viele Gartenbesitzer sehen Bäume eher als Problem, zu viel Laub im Herbst und bei Sturm könnten sie umfallen, klar können die umfallen, ab einer gewissen Windstärke fällt eben alles um. Aber Bäume geben so unheimlich viel, unter ihnen zu verweilen ist so viel angenehmer als unter einem Sonnenschirm, vom Nutzen für die Tierwelt ganz zu schweigen. Und sie sind unheimlich schön.
    Ich wünsche Dir einen guten Start in die Woche.

    Viele liebe Grüße
    Wolfgang

    1. Lieber Wolfgang,
      Danke für deinen Kommentar!
      Ja, Bäume können bei Sturm umfallen, und eben das war für viele Städte und Gemeinden der Grund, massenweise Bäume zu fällen, da Versicherungen diese Schäden seit einiger Zeit nicht mehr tragen, sondern die Stadt haften muss. Das ist traurig und verursacht langfristig bestimmt mehr Stürme und Schäden, da so das Klima noch mehr aufgeheizt wird. Laternen und Strommasten können ja auch umfallen, trotzdem lässt man sie stehen.
      Die von dir angesprochene Bequemlichkeit vieler Gartenbesitzer kann ich auch nicht nachvollziehen. Wenn man nur noch Steine im Garten hat, hat man zwar keine Arbeit, aber es gibt dort auch kein Leben. Ich hoffe auf ein Umdenken, denn Bäume und Pflanzen sind auch für uns überlebenswichtig.
      Liebe Grüße!
      Amely

  6. Bei uns sind auch sehr viele senkrechte Flächen begrünt, wir haben Clematis, Geißblätter, wilden Wein, Kletterhortensien. Was fehlt sind Gründächer, die starke Beschattung unserer großen Buchen ringsum spricht dagegen.

    Mir fällt auf, daß allgemein die Bereitschaft zur Wandbegrünung eher nachläßt, der “Dreck” der bewohnenden Vögel, “Ungeziefer” im Haus (nein, stimmt nicht. Die Viecher sind bei uns viel lieber im Grünen als im Zimmer dahinter!!) und natürlich der um sich greifende Vollwärmeschutz-Wahn sorgen dafür. (An einer Styroporwand kann man schlecht etwas klimmen lassen)

    1. Liebe Fjonka, ich finde es toll, dass ihr so viele Wände begrünt habt! Das sieht einfach gleich viel ansprechender aus und hat auch einen ökologischen Nutzen. Außerdem ist eine Begrünung auch eine Art Vollwärmeschutz, da sie im Sommer kühlt und im Winter Wärme speichert. Ich fände es gut, wenn Bauvorschriften Begrünungen anstelle von diesem Styroporzeug einfordern würden.
      Eine Vorschrift, dass pro Parkplatz (zB von Supermärkten, Büros aber auch Privatgrundstücken) ein Baum gepflanzt werden muss, würde ich auch unterstützen. Dann wären viele öffentliche Plätze ansprechender:)
      Liebe Grüße,
      Amely

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