Ansichten einer Nähmaschine I

Jam, jam, lecker!

Guten Tag Frau Stre-

Lady Stretch 295-1, bitte! Ich darf doch Wert auf eine angemessene Anrede legen. Immerhin bin ich schon weit über 40 Jahre alt und damit um einiges älter als meine derzeitige Nutzerin Amely.

Guten Tag Lady Stretch 295-1, ich freue mich, dass Sie ein paar Fragen zu ihrem Leben beantworten wollen. Wo wurden Sie geboren?

Ich stamme aus der schwäbischen Kleinstadt Tübingen. Mein Erzeuger ist der badische Hersteller Pfaff. Zum Leben erweckt hat mich eine junge Studentin, die mit mir neumodische Hippie-Flower-Power-Kleidung nähen wollte… Gar nicht mein Geschmack, das sage ich Ihnen!  Zum Glück kam bald ihre Tochter Amely zur Welt, dann hatte sie für diesen Schnick-Schnack keine Zeit mehr und hat sich auf das Wesentliche konzentriert: Kinderkleidung! Handbestickte Kleidchen, Sonnenhüte, Röcke, Rüschenblusen, sogar Puppenkleidung durfte ich nähen! Ach, damals schwebte ich auf Stichlänge sieben! (rattert nostalgisch einige Male vor und zurück)

Wie ging es nach diesem rasanten Aufstieg für Sie weiter, Lady Stretch 295-1?

Es kam, wie es kommen musste. Amely wollte irgendwann die von mir liebevoll genähten Kleider nicht mehr anziehen, sondern gekaufte(!) T-Shirts, Jeans und andere textile Geschmacklosigkeiten. Schlimmer noch: Mit 14 Jahren wollte sie selbst nähen! Aber über dieses traumatische Ereignis will ich nicht sprechen. (stellt die Stichlänge auf null und blockiert den Faden)

Danach konnte es doch nur aufwärts gehen, oder?

Weit gefehlt! Ich wurde nun tatsächlich arbeitslos und über 20 Jahre lang auf dem Dachboden geparkt. In meinem Alter! Ganz ohne Stoffe und Garn! Das hat mir fast die Spulenhalterung gebrochen…

Welcher Lebensabschnitt folgte auf Ihre Arbeitslosigkeit?

Erst vor einem halben Jahr gelang es mir wieder, eine Festanstellung zu finden. Eine einwöchige Kur bei Pfaff wirkte Wunder und hat mir meine verlorengegangenen Nähfertigkeiten zurückgegeben, sodass ich wieder voll in den Familienbetrieb einsteigen konnte. Zugegebenermaßen hat sich Amely bei ihren ersten Projekten mit der Stoff- und Schnittauswahl ziemlich vergriffen. Aber ich war froh, überhaupt etwas unter den Nähfuß zu bekommen, so ausgehungert wie ich war!

Wann werden Sie in Rente oder Altersteilzeit gehen?

Also hören Sie, dazu besteht nicht der geringste Anlass! Mein Faden läuft noch wie geschmiert und im Gegensatz zu vielen meiner deutlich jüngeren Kolleginnen habe ich keinerlei Stichrhythmusstörungen.

Lady Stretch 295-1, ich bedanke mich für das aufschlussreiche Interview!

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